Zum letzten Mal fahre ich an „unserem“ Bäcker vorbei. Wahl heißt er witziger Weise. Immer wenn ich die Wahl hatte, bin ich dort eingekehrt und habe mir ein zweites – leckeres – Frühstück erlaubt. Dabei hatte ich ihn aus Not gefunden, das erste Mal war es keine freie Wahl. An einem kleinen Bahnhof gestrandet, nur aus zwei Gleisen und einem lange nicht mehr offenen kleinen Bahnhofshäuschen bestehend. Es war kalt und ich hatte einige Zeit zu überbrücken, bis der Schienenersatzverkehr kommen sollte. Ich lief einfach los und fand den Bäcker mit einem gemütlichen Café. Einige Wochen ist es her. Seitdem habe ich jedes Mal die Wahl getroffen dort einzukehren.
Melancholie und Freude vermischen sich, als ich aus dem Fenster schaue und Abschied nehme. Freude auf Zuhause, auf meinen Hund, meinen Kaffee und meine Ruhe, auf Kinder, Enkelkinder und meinen Trubel.
Melancholie, weil ich mich dieser Gegend, die ich verlasse, verbunden fühle. In nur einigen Wochen ist hier so viel passiert. Aus Not bin ich hierher in eine Art Retreat gekommen, ich hätte eine andere Wahl gehabt, wusste es aber nicht. So viel innere Entwicklung, viele durchlebte Emotionen, viele intime Begegnungen – intim in der Offenheit der Gespräche, Nähe dessen, was man erlebt hat, denkt und fühlt. Ganz viele Gefühle, die getragen wurden.
„Gefühle tragen“ ein Konzept, dass mir neu ist. Kein Kleinreden, kein Erklären oder Entschuldigen, einfach nur durchleben im Kreis von Menschen, die da sind, aber weder in einen Redefluss noch in Aktionismus verfallen. Sie sind einfach nur mit mir zusammen, tragen das Gefühl und machen es damit erträglich bis es abebbt.
Das „einfach nur durchleben“ ist gar nicht so einfach, wenn man gewohnt ist etwas zu tun, um Dinge voranzubringen, Situationen zu kontrollieren, mit dem Kopf und mit Worten alles glatt zu streichen. Eine Konsistenz herbeiführen, die bestimmte Gefühle unsichtbar macht. Wir gehen in Konzerte und Stadien, um Gefühle in einer Gemeinschaft zu durchleben. Da darf man sich über ein Tor ärgern oder mit der Musik traurig sein. Aber eigene ganz persönliche Gefühle sind sozialverträglich, in kleinen Dosen. Keine Person in der Nähe sollte sich unbehaglich fühlen, also bitte vor allem Freude, alles andere gehört verschlossen, kleingeredet, weggeräumt, glatt gestrichen. Meine Generation (oder meine Blase?) hat nicht in jungen Jahren gelernt Gefühle zu tragen.
Das Glatte täuscht. Das Zugepflasterte brodelt in einem und bricht irgendwann aus. Bis ein Innehalten nötig ist, um alles zu durchleben und neu starten zu können. Es war schön hier; ich hoffe, ich komme nicht nochmal her, denn jetzt kann ich meine Gefühle tragen und habe nun die Wahl.
