Wer sein Gehirn also auf diese umfassende Weise nutzen will, muß also lieben lernen.
Gerald Hüther
In einer spannend bestückten Bibliothek ist mir das Buch von Gerald Hüther nicht sofort ins Auge gesprungen – grau und klein – kein Wunder. Als ich es sah, hat es mich jedoch magisch angezogen. „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“ – klang zu spannend. Und ich wurde nicht enttäuscht. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Sachbuch mich so in seinen Bann gezogen hat. Als ich zum Autor auf der Rückseite des Buchs „Dr. rer. nat. Dr. med. habil Gerald Hüther ist ein Professor der Neurobiologie an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen“ las, war das ein Garant für ein fundiertes Buch, aber nicht für ein spannendes. Zu oft habe ich die komplizierten Sätze in Fachsprache ehrlich zu lesen und zu verstehen versucht, und zu oft habe ich feststellen müssen – das Studium des jeweiligen Fachs mir als Voraussetzung fehlt, um dem Autor folgen zu können. Ich versuche es trotzdem, dachte ich, der Titel war zu verlockend.
Und nun, das Buch bis zum Ende gelesen, kann ich es nur begeistert weiterempfehlen. Je früher im Leben, desto besser. Aber – und das ist eine der Erkenntnisse aus dem Buch – es ist nie zu spät. Wir kommen mit einem „Betriebssystem“ auf die Welt, dass uns Überleben ermöglicht. Wir werden als Kinder stark geprägt und damit so „programmiert“, dass wir in der Umgebung, in der wir aufwachsen optimal uns einfügen können. Als Menschen besitzen wir die Fähigkeit uns jederzeit bewusst umzuprogrammieren. Klar, je eingefahrener die Verhaltensweisen, desto schwieriger ist es, sie zu ändern. Aber es ist jederzeit möglich.
Ich las die 2. Auflage aus dem Jahr 2001. Das Datum schreibe ich deswegen hin, weil eins – vermutlich geschuldet der Zeit, in der das Buch entstanden ist – mich sehr gestört hat. Die Verantwortung für die Entwicklung der Kindern, die Müttern gemäß dem traditionellen Rollenbild auferlegt wird, hat sich wie schwere Last angefühlt. Die, wie wir inzwischen wissen, nicht an Frauen und Müttern liegt, sondern an Eltern bzw. Bezugspersonen der Kinder. Der Umgang mit diesem Thema in einer neueren Auflage interessiert mich. Abgesehen davon, uneingeschränkte dringende Empfehlung an alle, die menschliches Gehirn haben, das Buch zu lesen.
Das Spannende an den Erkenntnissen aus dem Buch von Gerald Hüther ist, dass sie viele Lebenserfahrungen erklären. Beim lesen des Buchs wird klar, wieso die „Macher“, die im Moment die Schlagzeilen beherrschen, so destabilisierend auf unsere Gesellschaft wirken. Wieso die Zeit, die wir in Social Media verbringen – nicht nur für Kinder – nicht gut ist. Und dachte ich am Anfang, als Empfehlung kommen am Ende so was wie Sprachen lernen und Logikrätsel lösen für den guten Gebraucht des Gehirns, war ich am Ende der Lektüre kaum überrascht, als es hieß: „Beginnt man erst einmal darüber nachzudenken, welche Grundhaltungen man sich wohl zu eigen machen musste, um sein Gehirn fortan umfassender, komplexer und vernetzter zu benutzen als bisher, so kommen einem [neben Achtsamkeit und Behutsamkeit] noch eine ganze Reihe von Begriffen in den Sinn, die allesamt fast schon aus unserem gegenwärtigen Sprachgebrauch verschwunden sind: Sinnhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit, Umsicht, Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit … all das sind Grundhaltungen, die Menschen bereits zu einer Zeit erstrebenswert erschienen, als es noch gar keine Hirnforscher gab […]“ Ist das nicht fantastisch?! Haltungen, die nicht schnell zu Erfolgen führen, die immer als erstrebenswert angemahnt wurden, können jetzt belegt durch Bildgebungsverfahren als wichtig zur Entwicklung des menschlichen Gehirns sind nun naturwissenschaftlich bestätigt erstrebenswert und wichtig.
Fehler zu machen und Betroffen zu sein sind Grundvoraussetzungen für immer weitere Entwicklung des menschlichen Gehirns, laut dem Autor. Und so fühle ich mit der Verunsicherung, bisher nicht immer das beste für die Nutzung meines Gehirns getan zu haben, am Ende der Lektüre bestätigt. Denn der Autor schließt mit dem Satz ab: „Falls sich ein derartiges Gefühl [Verunsicherung] nicht einstellt, wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker, solange Sie noch dazu imstande sind.“
Ich werde mich stattdessen um guten Gebrauch meines Gehirns bemühen und dafür eine neuere Auflage des Buchs für mein Bücherregal holen. Als Gedächtnisstütze, insbesondere in herausfordernden Zeiten. Ich wende mich also statt an eine Ärztin an den lokalen Buchhändler meines Vertrauens.
