Es ist Mitte September. Wir sind bei unserem alljährlichen Urlaub in Livigno, dieses Jahr eine Woche später. Es ist seit einigen Jahren zur Familientradition geworden, diese Woche gemeinsam in den Alpen zu verbringen.
Eigentlich haben wir uns auf die Kühle der Berge gefreut. Rund um den 1. September gab es die letzten Jahre bereits den ersten Schnee in 1.800 Meter über dem Meeresspiegel liegendem Tal. Aber wir kommen bei über 20°C zwar kühler, aber bei weitem nicht so kühl wie erwartet an.
Frische Luft und Berge. Ich mag es hier. In den Bergen merkt man, wie klein man selbst ist. Jeder Berg scheint sehr nah zu sein, bis man versucht, ihn zu erreichen. Da merkt man wieder wie riesig, die auf Bildern und Postkarten nett aussehenden Bergspitzen, sind. Allein die Dimensionen der Entfernungen lassen sie klein und bezwingbar aussehen.
Normalerweise ist diese Woche in den Alpen der Start des Herbstes für uns. Die Hitze des Sommers ist zu Ende. Hier sehen wir den ersten Schnee und erfreuen uns dann noch an der Wärme des goldenen Herbstes zuhause. Dieses Jahr fehlt diese Abkühlung. Nach und nach stellen wir fest, dass sich viel mehr verändert hat. Die sonst weiß glänzenden Spitzen der Berge sind grau. Den Bergsee kann man von der Seite der Berge mehrere hundert Meter trockenen Fußes begehen. Die Brücken über den sonst reißenden Bächen scheinen nutzlos, da die kleinen Rinnsale, die noch an Stellen der Bäche fließen, wir auch zu Fuß überqueren könnten.
Es ist bewegend so starke Veränderungen innerhalb so kurzer Zeit zu sehen.
Am Regentag schneit es an den Bergspitzen doch noch und für einen Tag können wir das Leuchten der schneebedeckten Spitzen sehen. Danach ist das meiste wieder grau.
Auf einem Berg sitzend und die Weite erfassend, wird mir noch einmal klar: das alles gab es schon lange hier. Unsere Tradition ist nicht in Gefahr, sie wird sich wandeln, nicht in geologischen Zeitabschnitten, sondern jetzt sehr schnell.
