Schreibe über deine Narben aber nicht über deine Wunden, habe ich mal gelernt. Der heutige Text ist distanziert verfasst, weil das Thema noch zu frisch ist. Die Narbe ist noch nicht fest genug, um persönlicher zu schreiben. Es geht um unerwünschte Gefühle.
Gefühle in einer rationalen Welt. Weg radiert, negiert, bis sie nicht mehr fühlbar sind. Soziale Erwünschtheit hat bestimmt, dass Frauen traurig sein dürfen und Männer – wütend. Wenn die verdrängten Gefühle so übermächtig werden, dass sie doch raus müssen, dann darf das sozial Erwünschte raus.
Dabei haben Gefühle ihre Funktion. Wut, Zorn, Ärger und alle Schattierungen davon zeigen an, wenn die eigenen Bedürfnisse nicht erfüllt, wenn persönliche Grenzen überschritten werden. Wie gefällig ist es, wenn Mädchen und Frauen keine Wut zeigen dürfen? Wundern wir uns, dass eine Verfügung über ein Wesen, dass – scheinbar keine Grenzen hat, da sie nie aufgezeigt werden dürfen – selbstverständlich ist und es eher Anstrengung kostet die Grenzen zu wahren?
Traurigkeit verlangt nach Trost und Verbundenheit. Wundert uns, dass Jungs und Männer, die nie traurig sein dürfen, nicht genug Verbundenheit fühlen, in ihrer Wut asozial handeln und eine hohe Selbsttötungsrate haben?
Das erste Gefühl – der Ursprung – hat immer noch keinen Ausdruck gefunden und bleibt immer noch ungehört. Statt Grenzen zu wahren wird Trost gespendet und damit werden neue oder erneut Grenzen überschritten. Statt Trost zu erhalten folgt mehr Abstand nach einem Wutanfall. Die blöden Gefühle bringen nicht die dringend benötigte Wirkung. Es ist nur schlimmer geworden.
Zu emotional, ich sollte meine Emotionen noch besser im Griff haben, lautet dann die scheinbar logische Folgerung. Also verdrängen wir sie weiter, radieren sie weg, negieren sie und hoffen, dass es dann besser wird.

Das ist ein sehr wichtiges Thema, das manchmal Mut benötigt darüber zu reden.
Wunden, die noch nicht vernarbt sind umso mehr.
In den menschlich konstruierten Schranken lässt sich oft nicht frei zu atmen!
Zeit für Dekonstruktion unserer Schranken 🙂