Erfurt: bunt und aufgeräumt. Wenn ich mit zwei Worten die Stadt beschreiben sollte, dann wären es diese. Diesmal werden aber nicht die bunten Fassaden, die venizianisch anmutende Krämerbrücke oder die Spiegelung von Fachwerkhäusern in Glasfassaden im Gedächtnis bleiben. Es ist der schwarze Transporter, in den meine Tochter steigt. Er hat keine besonderen Kennzeichen: keine Bilder, Aufschriften oder Logos, nicht einmal Beulen oder Kratzer. Sollte ich mir das Kennzeichen merken? HH … wieso ist das Kennzeichen nicht aus Erfurt?
Während die Tür schließt, überlege ich mir, wie ich sie suchen werde, falls sie sich in zwei bis drei Stunden nicht melden sollte.
Ich muss mir unbedingt zumindest den Wagentyp einprägen. Kontakt war per Mail, das muss noch nicht mal die richtige Mailadresse sein. Die Gedanken tauchen so schnell auf wie sie verschwinden. Das Auto fährt los.
HH … wie war das Kennzeichen?
Meine Kleine, die schon so groß ist, wollte diesmal nicht, dass ich mitkomme. Diese neue große Erfahrung wollte sie selbst machen. Und jetzt ist sie ohne mich in dem Wagen, an dessen Typ ich mich nicht erinnern kann. Selbst der Hersteller ist mir entfallen. War das ein Mercedes oder ein VW?
Erfurt macht einen netten, aufgeräumten Eindruck. Ich habe mich täuschen lassen. Oder war es das surreale Erlebnis, dass meine Tochter, die Schauspielerin werden will, nun bei einer Fernsehproduktion mitmachen darf? Habe ich deswegen alles falsch bewertet und mein Kind in einen schwarzen Transporter mit fremden Leuten einsteigen lassen?
HH… war da eine 5 oder zwei im Kennzeichen?
Ich atme tief aus, das ist immer ein guter Neustart. Eine Mail hätte auch eine Finte sein könne, aber wir hatten über Monate Kontakt, wären meine Mails nicht an die Absenderadresse gegangen, wäre es mir aufgefallen. Heute kam ein Anruf, um Details wegen der Kleider zu klären. Ich habe eine Stimme am Telefon gehört, die vertrauenderweckend war, weil das Gespräch geschäftig und unaufgeregt war. Wir sind die Kleiderordnung durchgegangen, die auch schon in einem Informationsschreiben vor einer Woche kam.
Es ist ungewöhnlich, es wurde nicht ein halbes Jahr im Voraus ein Vertrag aufgesetzt. Immerhin haben wir unterzeichnet und per Post gesendet, dass (unter anderem) Eltern nichts gegen die Beschäftigung haben. Ich habe nichts auf Papier. So läuft es hier. Eine Welt die mir fremd ist.
Der schwarze Transporter macht es nicht leichter, aber er ist nicht das Problem. Ich sollte langsam los, das schwarze Auto ist abgebogen und nicht mehr zu sehen.
Meine Kleine geht nun auch ihren Weg und ich bleibe am Bürgersteig.

Sehr ergreifende Erfahrung, die das Herz schneller schlagen lässt auch beim lesen!
Und beim Dabei-sein erst 🙂