Communities sind schön, klar abgegrenzt, eigene Sprache, eigene Themen, eigene Berühmtheiten. Ich finde es spannend Communities beizuwohnen, selbst wenn ich nicht Teil dieser bin.
Meine Freundin und ich sind auf dem Glasperlenfestival in Wertheim. Letztes Mal vor zwei Jahren waren wir auch schon dabei. Meine Freundin ist eine Künstlerin, sie macht wunderschöne Perlen aus Glas, die in Schmuck verwandelt werden. Ihr Stil sind die Blumen, die sie aus Murinis unter Hitze zum erblühen bringt. Auf dem Bild oben ist so ein Kunstwerk zu sehen, die Blüten so zart, dass ich froh bin, dass sie durch eine Glasschicht geschützt sind. Sie sind ganz nah und doch nicht zum Anfassen.
„Murinis“ sind kleine vorgefertigte Teilchen aus buntem Glas. Ihre Herstellung ist eine Kunst für sich. In ihnen befindet sich der Bauplan der Blüte, die Anzahl der Blätter, die Farben, wie in einer Knospe. Meine Freundin stellt diese selbst her. Die Technik kommt von der Insel Murino bei Venedig, daher der Name. Ich bin stolz diesen Fachbegriff zu kennen und zu verstehen.
Wenn sich die Mitglieder dieser Community über Glas und ihre Kunstwerke unterhalten, dann kann ich abschalten, denn ich verstehe wenig davon. Das ein oder andere lasse ich mir später erklären, wohl wissend, dass das mit dem Kopf zu ergründen, anders ist, als das heiße zähflüssige Glas zu spüren und es formen zu können.
Das Event feiert sein 20 jähriges Jubiläum. Größtenteils Künstlerinnen stellen hier aus. In diesem Jahr kommen sie aus elf Ländern. Und wie es bei Communities so ist, man kennt sich, unabhängig davon, wie weit entfernt man beheimatet ist. Lachend umarmen sich die Künstlerinnen aus Portugal, Zypern, USA und Niederlanden beim Wiedersehen, es werden Neuigkeiten ausgetauscht, was Techniken, neue Meister oder eigene Entwicklung angeht.
Nicht nur die Aussteller:innen sind weit angereist. Die Besucher:innen kommen von weit her in das beschauliche Wertheim. Alexx Chang aus Thailand ist mit seiner Frau angereist, er ist weltweit dafür bekannt, dass er eine Manufaktur aufgebaut hat, die Pandora mit Glasperlen beliefert. Sein Geschäft hat der inzwischen über 80 jährige verkauft und kümmert sich um die Kunst indem er Künstler:innen für Workshops einlädt und den Willigen das Erlernen der Arbeit mit Glas ermöglicht. Alexx muss sich nicht vorstellen, alle aus der Community kennen ihn. Aufmerksam besichtigt er jeden Stand, hat für jede Künstlerin jeden Künstler Worte voller Wertschätzung. Nah und nahbar bringt er die Augen jeder Künstlerin jedes Künstlers zum erleuchten, wenn er ihre Werke bewundert.
Natürlich stehen die Türen für alle offen, man muss kein Teil der Szene sein. Diejenigen, die sich selbst bereits am Glas versucht haben, haben eine Idee, wie viel Arbeit in den kleinen Kunstwerken steckt. An unserem Stand sind solche Besucherinnen und Besucher restlos begeistert.
Diejenigen, die nur bunten Schmuck sehen, wundern sich über die Preise. Klar gibt es viel günstigere Murmeln aus Glas, aber das was meine Freundin macht, sind kleine Kunstwerke. Jede Perle ein Einzelstück mit Fantasie und Herzblut. „Das Glas ist lebendig, ich habe ein Idee, was es werden soll, aber was es wird, sehe ich erst, wenn ich daran arbeite“, hat sie mir mal erzählt. Und so ist jedes kleine Erzeugnis ein Einzelstück voll Stimmung und Inspiration.
Ihre neueste Entwicklung sind kleine Fiolen, die mit derselben Technik blütengeschmückt neue Kund:innen anlocken.
Ich bin bereits einige Jahre dabei und sehe die Unterschiede der Arbeiten mit Murinis. Mit anderen Arten der Glasarbeiten tue ich mich schwer, darüber muss mich meine Freundin immer wieder aufklären.
So genieße ich mitten unter den Kreativen zu sein, den Unterhaltungen über Meister, Werkzeuge und Techniken zu lauschen ohne ganz dazu zu gehören und mich dennoch von leuchtenden Augen anstecken und von wundervollen Meisterwerken inspirieren zu lassen. Wie die Blüten im Glas: nah genug, um das Wundervolle wahrzunehmen, dennoch bin ich kein Teil dieser „Bubble“.
