Hier gehöre ich hin

Es gibt Augenblicke im Leben, die sind voll der Klarheit. Ein Moment, in dem wie aus dem Nichts eine Einsicht kommt.

Den ersten solchen Augenblick hatte ich an einem Morgen erlebt: Ich war gerade wach geworden, gut geschlafen, das wohlige warme, sanfte Gefühl, das die Katzen vermutlich haben, wenn sie schnurren. Die Sonne schien ins Fenster, ich lag in einer gut duftenden, weichen Umarmung und auf einmal wusste ich: Das ist der Sinn des Lebens. Ich konnte und kann den Gedanken weder herleiten, noch begründen. Es war einfach klar.

Das letzte Mal, dass ich so einen Augenblick erlebt hatte, fuhr ich Fahrrad. Ich war vor kurzem wieder nach Karlsruhe gezogen, trotz der Arbeitsstelle in einer anderen Stadt. Zum täglichen Pendeln gehörte die Fahrt zum Bahnhof. Es war nicht meine Wahl, das Fahrrad zu nehmen, aber zu jener Zeit wurde die Karlsruher U-Bahn gebaut und die Baustellen und Absperrungen bewegten sich von einem Tag auf den anderen. Egal ob im Auto oder mit der Straßenbahn, es war unmöglich vorherzusagen, ob der Weg, der gestern noch funktioniert hatte, auch heute funktionieren wird. Vor allem der Weg zum Bahnhof barg ein hohes Risiko den Zug nicht zu erwischen, was zwangsläufig zu einer Stunde Wartezeit auf den nächsten Zug mit sich brachte. Fahrrad schien das einzige Verkehrsmittel zu sein, mit dem ich zuverlässig trotz Baustellen meine Route zurücklegen konnte, die zu lang für einen Fußmarsch war. Als ich am späten Nachmittag also mit dem Fahrrad vom Bahnhof fuhr, bei mildem Wetter, im Halbschatten der Bahnhofsstraße, wusste ich auf einmal – hier gehöre ich hin. Zu allen vernünftigen und gefühlsmäßigen Gründen nach Karlsruhe zu ziehen kam das unerschütterliche Wissen, hier bin ich richtig.

Nachtrag: Ich habe immer noch den Verdacht, dass die U-Bahn-Baustelle in Wirklichkeit eine Großangelegte Umstellung der Stadtbewohner aufs Fahrrad war, die dabei entstandene U-Bahn ist nur ein Nebenprodukt.