Gleise und Trampelpfade

Die ersten Schritte sind wackelig. Ich falle immer wieder, halte mich an Gitterstäben meines Bettchens fest. Weit komme ich nicht, aber es ist Autonomie. Ich kann mich selbst bewegen! Das genieße ich so sehr, dass Kinderwagen leer bleibt. Ich laufe lieber. Noch an der Hand und noch viel langsamer, als es im Kinderwagen wäre, aber ich laufe – lege Wege aus eigener Kraft zurück.

Irgendwann lerne ich Rad zu fahren und drehe Runden mit Freunden. Wir fahren ohne Ziel, machen unsere Streifzüge, schauen, was um uns herum passiert in unserer Freizeit. Der Zug des Lebens ist bereits aufgegleist und mit dem Eintritt in die Schule sind Richtung und Stationen genau vorgegeben.

Die nächste große Station – der Schulabschluss. Die Weichen sind noch nicht gestellt. Aus einem Meer an Möglichkeiten entscheide ich mich für mein Studienfach in meinem Studienort. Das „mein“ ist nicht vorgegeben – ich lege fest, was „mein“ ist.

Die Geschwindigkeit während des Studiums kann ich variieren, der Weg ist dennoch vorbestimmt. Das Verlassen vorgezeichneter Wege sorgt für Kopfschütteln. Familiengründung vor dem Studienabschluss – so ist es nicht vorgesehen. Ein kurzer Ausflug in die Selbständigkeit und dann läuft der Zug doch weiter auf Gleisen mit vorgegebener Richtung und vorgezeichneten Stationen: Arbeit, Familie, Reisen. Weiterentwicklung, ein Karriereschritt nach dem anderen, ziemlich schnell, vielleicht zu schnell.

Das Rad dreht sich. Ohne größere Anstrengung passieren Dinge. Einmal aufgesetzt, läuft es. Die Leichtigkeit der Fortbewegung fordert immer wieder dieselben Kreise – vom Aufstehen bis zum ins Bett gehen, unterscheiden sich die Tage kaum voneinander. Es läuft, es ist eine Zeit lang beruhigend. Und dann kommt der Punkt, an dem ich aussteigen muss, weil die Richtung nicht mehr meine ist. Die Schnelligkeit, die vorgezeichnete Gleise möglich machen, rettet da nicht, sondern wird zum Verhängnis.

Ich steige aus und bleibe stehen. Ich erinnere mich, dass es Wege gibt, die nicht vorgezeichnet sind. Wenn ich einen Fuß vor den anderen setze, dann habe ich bei jedem Schritt die Wahl, die Richtung zu ändern oder stehen zu bleiben ohne überrollt zu werden.

Keine Gleise, kein Ziel in der Zukunft, nur der Weg, der von Interesse und Freude geleitet wird, hier und jetzt. Es ist ungewohnt nicht zu wissen, welche Station als nächste kommt und es ist befreiend. Ich komme nicht so schnell „voran“, aber ich komme dahin, wo keine Gleise liegen, wo es keine Fahrradwege gibt.

Die ersten Schritte sind wackelig, aber ich lege den Weg aus eigener Kraft zurück, in meinem Tempo, in meine Richtung. Es ist Autonomie.

4 Kommentare

  1. Sehr tiefgründig und aufschlussreich!
    Es gibt sehr viele Wege, mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad, alles ist offen! Jeder muss seine Wege finden, selbst und ständig, wenn man nach Veränderungen sucht.

  2. Wenn man viele Wege und Straßen gegangen sind, bleibt Zeit, neue Wege zu beschreiten. Diese Wege können zu Straßen für dich oder andere werden.

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