Das anstrengende an Bahnreisen ist: man erlebt Abenteuer, die man sich nicht ausgesucht hat. Nein, es wird keine Schimpftirade auf die Deutsche Bahn. Diesmal fing die Fahrt pünktlich an, ich suchte mir einen gemütlichen Platz und schlug das Buch auf.
Als ich „Nächster Halt Frankfurt Flughafen“ höre, tauche ich aus meiner Lektüre auf. Ich wollte eigentlich in die Frankfurter Stadtmitte. Den Umstieg in Mannheim habe ich verpasst. Nicht schlimm, es gibt Alternativen.
Der Fußweg vom Fernverkehr zum Regionalverkehr dauert am Frankfurter Flughafen viel länger als gedacht. Am Gleis angekommen, habe ich die ausgesuchte Verbindung verpasst. Der Zug ist abgefahren und ich orientiere mich neu.
Am Linienplan an der Wand, den ich betrachte, um zu verstehen, in welche Richtung ich meinem Ziel näher komme, bleibe ich stehen und schaue wieder auf die Vorschläge der App. Ein älterer Mann mit einem Koffer kommt zum Linienplan und schaut darauf, er hat kein Handy in der Hand. Zu alt, um mit Apps zurecht zu kommen, schießt es mir durch den Kopf.
„Mein Handy ist unterwegs ins Wasser gefallen und jetzt muss ich mir anders behelfen“, sagt er, als hätte er meinen Gedanken gehört. Ob ich wüsste, ob die nächste Bahn an der Haltestelle sowieso hält, denn da müsse ein großer Laden sein, wo er Hilfe mit dem Handy bekommen könnte. Ich wüsste ohne Handy nicht, wohin ich mit einem kaputten Handy in Frankfurt soll, der Gedanke wieder so schnell, dass ich keine bewusste Wertung vornehmen kann.
„Klar kann ich helfen.“
Wir kommen ins Gespräch. Plaudernd steigen wir in dieselbe Bahn ein. Ein Rentner und Weltenbummler auf dem Rückweg aus einem Land in Asien. Wir reden über ferne Länder und Freundlichkeit der Leute und als er erzählt, dass er jetzt in Berlin lebt, weil dort viel los sei, ärgert er sich ein bisschen darüber, dass es immer weniger beürgerliche Gastronomie gibt. Naja, da würde man wohl nicht viel verdienen und müsste bedienen, gebe ich mein Halbwissen zum Besten, das sei wohl nicht für jedermann ein Traumjob. Stimmt, er denkt nach, so habe er das noch nicht gesehen.
Am Hauptbahnhof steige ich aus.
„Vielleicht sehen wir uns mal wieder“, ruft mir der Weltenbummler hinterher, „die Welt ist kleiner, als man denkt.“ Auch ich hoffe auf mehr solche Begegnungen und bin dankbar, dass ich meinen Umstieg verpasst habe und sein Handy nicht funktionierte. Und ich wundere mich, dass so ein weltoffener Mensch die Stadtbilddiskussion auf diese Weise bedient.
Dann wundere ich mich, dass mit meinem Freundes- und Bekanntenkreis, ich dieses Klischee von digitalfernen Rentnern auf diese Weise bediene. Ich kenne sicher mehr Rentner:innen, die mit Apps umgehen können, als solche, die es nicht können.
Ein absichtsloses Treffen und Austausch außerhalb seiner „Bubble“ hat uns beiden unsere eingefahrenen Gedankengänge bewusst gemacht. Das schöne an Bahnreisen ist: man erlebt Abenteuer, die man sich nicht ausgesucht hat.
