Achtsamkeit gegen Filter im Kopf

Die Zeitschrift Geo hat vor zwei Jahren Bilder veröffentlicht, die zeigen, wie die Bienen die Blüten sehen. Das unterscheidet sich deutlich von dem, was wir als Menschen sehen. Auch wenn die Aufnahmen sehr imposant sind, war es doch irgendwie klar, dass Bienen oder Maulwürfe die Wiese anders sehen als wir Menschen. Was uns nicht immer klar ist, dass auch jeder Mensch die Wiese anders wahrnimmt.
Eine Person, die mit einer Staffelei und Aquarell die Eindrücke auf Papier festhalten will, sieht Licht und Schatten und das Spiel der Farben.
Ein Elternteil mit einem Kind, das allergisch auf Bienenstiche reagiert, scannt die Umgebung auf lebensbedrohliche Gefahren. Er sieht vielleicht auch die Blumen unter dem Aspekt, wie viele Bienen ziehen sie an.
Ein Katzenliebhaber, der das Pech hat immer wieder den Hundekot von seinen Schuhen entfernen zu müssen, sieht vielleicht vor allem, ob es Pfade gibt, die man durchschreiten kann, ohne in diese unappetitlichen Mienen zu treten.
Eine Botanikerin auf der Suche nach bestimmten Kräutern, nimmt dieselbe Wiese anders wahr als ein Allergiker.
Die Liste kann noch lange fortgesetzt werden. Mit unserem Erfahrungsschatz und unseren Bedürfnissen filtern wir die Welt um uns herum. Was wichtig und potentielle gefährlich ist, bekommt unsere Aufmerksamkeit. Und das kann sehr unterschiedlich sein. Diese Filter im Kopf sind nötig in Situationen, in denen es ums Überleben geht. Schnell scannen und reagieren war ein echter Überlebensvorteil und gehört zum Programm in unserem Gehirn, das wir von Geburt an mitbekommen.
Diese Filter funktionieren ständig, nicht nur auf einer Wiese. Wer seinen Fokus auf Probleme und Schwierigkeiten setzt, der findet diese. Wer sich auf Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Freude konzentriert, findet auch diese. Wenn ich um Urlaub entspannt für Kontakte offen bin, wundere ich mich, wie offen und kontaktfreudig Menschen um mich herum sind. Wenn ich von einem Termin zum nächsten eile und nur Hindernisse wahrnehme, verwandeln sich scheinbar alles und alle um mich herum in ein Hindernis.
Als Mensch können wir unsere Wahrnehmung bewusst anpassen. Wir können trotz Bienenallergie den Blick auf die Schönheit der blühenden Wiese weiten.
Achtsamkeit ist eine gute Übung dafür. Alles mit allen Sinnen wahrnehmen ohne es zu bewerten, bewusst die Filter abschalten und nur sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Da wir unser Gehirn programmieren können, wird die regelmäßig bewusst ausgeführte Achtsamkeit zu einem neuen Automatismus. Keine Angst, die lebensrettenden Verschaltungen verschwinden nicht, sie werden aktiv, wenn Lebensgefahr droht. Aber dazwischen, können wir den Blick weiten und die Welt um uns herum als einen wundersamen Ort wahrnehmen.

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