Spielregeln

Es ist Wochenende mit Enkelkindern. Wir spielen „Maskenball der Käfer“, es geht darum, dass sich Marienkäfer für ein Maskenfest fertig machen. Ameisen wollen die Leckereien des Festes aufessen. Alle Mitspieler:innen sind im Team Marienkäfer es können nur alle zusammen aufs Fest, Team Ameisen ist unser gemeinsamer Gegner.

Es liegen verschiedene Spiele im Schrank, meistens werden jedoch die gezogen, in denen wir gemeinsam gegen eine Widrigkeit oder einen Gegner kämpfen.
Warum spielen wir? Bei einer mündlichen Prüfung antwortete ich auf diese Frage: „In Spielen simulieren wir Aspekte der Realität und lernen Strategien.“ Das Fach hatte Spaß gemacht, wir hatten mit dem „Beergame“ gestartet und haben immer komplexere Systeme simuliert und spielend gelernt, wie unerwartet Auswirkungen einer Änderung in einem nicht linearen System sein können.
Ich weiß nicht, ob es mit dieser Erfahrung zusammen hängt, aber ich mag keine Spiele, die so aufgebaut sind, dass die optimale Strategie mich zu einem Verhalten zwingt, das ich nicht mag. Der Gedanke auf Kosten der Täuschung von Mitspielern zu gewinnen, wenn ich nicht nur vom Glück abhängig sein möchte, hält mich vom Pokerspielen ab.
Um im „Mensch ärgere dich nicht“ zu gewinnen, muss ich die Mitspieler bestrafen und deren Spielfiguren nach Hause schicken. Monopoly finde ich am schlimmsten. Die Leute, mit denen ich immerhin gern einen Spielabend verbringen mag, muss ich abzocken. Auch wenn es nur Spielgeld ist, das passt mir nicht. Ich finde es nicht in Ordnung.
Bei Spielen ist es einfach: Ich spiele nicht mit. Ich kann in die Zuschauerreihe rücken oder ein anderes Spiel rausholen und mich den Regeln, die mir nicht passen einfach entziehen. Zurzeit scheinen aber immer mehr Regeln zu existieren, denen ich mich nicht so einfach entziehen kann. Hat man eine vermietete Wohnung, muss man die Miete „entwickeln“. Klingt gut, heißt aber – anlasslos in regelmäßigen Abständen erhöhen. Entscheidet man sich dagegen, hat man Nachteil beim Verkauf der Wohnung, den in die Berechnung des Preises geht die Höhe der Miete ein. Der Zustand der Wohnung ist nicht allein ausschlaggebend. Die Regeln des Marktes belohnen Vermieter, die Miete erhöhen ohne in die Wohnung zu investieren. Wundert da noch der aktuelle Wohnungsmarkt?
Im Moment ist es erträglicher sein Geld an die Börse zu bringen, als arbeiten zu gehen – falls man die Wahl hat. Das Problem ist, wenn jeder Mensch aufhört zu arbeiten und nur sein Geld investiert, werden wir nichts zum Essen, Anziehen, Blogbeiträge schreiben usw. haben. Das Geld arbeitet nämlich – trotz der Redewendung – nicht! Die Erträge auf den Finanzmärkten entstehen, weil diejenigen, die arbeiten nicht in dem Maße entlohnt werden, wie die Kunden bereit sind zu zahlen. Würde dieses „arbeitende Geld“ aus dem System eliminiert werden, müssten wir viel weniger arbeiten, um uns denselben Lebensstil leisten zu können. Ja, auch Finanzmärkte haben eine wichtige Funktion, aber im Moment läuft es aus dem Ruder. Statt zusammen uns schön zu machen, arbeiten wir gegeneinander. Wir spielen Monopoly, Poker und Risiko mit der Konsequenz im globalen Maßstab – es gibt Kriege, Umweltverschmutzung und Klimawandel, wir machen die Erde für Menschen immer schlechter bewohnbar.
Es gibt zum Glück immer mehr Spiele, bei denen alle Mitspieler:innen eine gemeinsame Mission haben und nur alle zusammen gewinnen können. Diese Spiele spiele ich gern. Es braucht meist gute Kenntnis der Regeln und einige Durchläufe, bis man zusammen eine Gewinnstrategie gefunden hat, es macht Spaß, ohne dass wir gegeneinander konkurrieren.
Bei unserem Spiel haben wir es geschafft: Die Marienkäfer sind vor den Ameisen bereit für das Maskenfest. Wir freuen uns und platzieren sie um den bunt gedeckten Tisch. „Die Ameisen dürfen aber auch zur Party kommen!“ ruft mein Enkelkind und rückt alle so zusammen, dass auch die gegnerische Mannschaft Platz am Tisch hat.
Vielleicht schafft es diese Generation neue Regeln für das Zusammenleben zu finden.

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