Privileg des Aufbruchs

Ich bin auf dem Weg ins Theater. Es ist ein Privileg. Festes Schuhwerk, bequemes Oberteil, Handwerkerhose. Es ist nicht das Outfit, das ich für Besuch von Vorstellungen wähle, aber heute gibt es auch keine Vorstellung. Wir bauen die Bühne um. Das Erwachsenenstück ist zu Ende, in einigen Wochen geht das Kinderstück los, bei dem meine Tochter mitspielt.
Durch sie kam ich zum Ehrenamt im Theater „Die Käuze“ in Karlsruhe. Eigentlich hatte zuerst ich sie zu einem „Kinder spielen für Kinder“-Stück mitgenommen, danach war sie so begeistert, dass sie, sobald sie alt genug dafür war, mitspielt.
Beim ersten Stück, bei dem sie mitspielte, war noch jemand für die Technik gesucht. Die Aufgabe ist bei den Vorstellungen zum richtigen Zeitpunkt für richtiges Licht und Geräusche zu sorgen. In keinem anderen Genre, als bei den Kindermärchen wird klar, dass die Technik für den Zauber zuständig ist. Das hatte mir gefallen. Zum Ende der Saison konnte ich die meisten Rollen mitsprechen.
Das Engagement ging, weil es kurz nach Corona war, viele Dienstreisen waren durch Videokonferenzen ersetzt. Ich hatte meine Grundschülerin sowieso zum Theater hinfahren müssen, also konnte ich auch während des Stücks aktiv sein.
Meine Tochter hat seitdem bei fast jedem Kinderstück mitgespielt. Mit immer mehr Dienstreisen wurde der Fahrdienst in der Familie aufgeteilt, bis sie seblständig den Weg bewältigen konnte.
Ich konnte mir den Besuch ihrer Premieren und Dernieren immer einrichten. Die Nachfragen, wieder mal die „Technik zu fahren“, musste ich wegen mangelnder Zeit und Energie ablehnen.
Nun lasse ich die finanzielle Sicherheit los und begebe mich auf ein neues Abenteuer. Das bringt Zeit für so ein schönes Ehrenamt mit sich. Warum nicht früher so, frage ich mich. Die ehrliche Antwort ist – die Wahrung des Besitzstands. Besitzstandswahrung bezieht sich auf den Schutz des bisherigen rechtlichen oder wirtschaftlichen Status einer Person oder einer Sache gegenüber Veränderungen, die ihre Position beeinträchtigen könnten. So diefiniert das Juraforum diesen Begriff. Das Erreichte bewahren – war keine freie Wahl, das war in mir, so natürlich, dass ich mir keine Gedanken darüber gemacht hatte.
Ich bin in einer Familie groß geworden, in der das Erreichte zu bewahren wichtig, zeitweise überlebenswichtig war. Meine Großeltern haben das Glück überlebt zu haben, was nicht allen aus ihren Familien vergönnt war. Hunger, Eiseskälte und unmenschliche Behandlung, da war die Bewahrung von dem, wessen man habhaft wurde und was man erreichen konnte, wichtig. Und so lebte ich eine Haltung, die mal überlebenswichtig war, weiter ohne sie explizit zu kennen, in einer Umgebung, in der sie nicht nur nicht mehr nützlich, sondern sogar einschränkend geworden ist.
Es war eine wichtige Erkenntnis, das ich andere Wege gehen kann, auch wenn meine Eltern sich nicht ganz wohl damit fühlen. Diejenigen, die selbst auf der Suche nach besseren Chancen für uns Kinder das große Abenteuer der Übersiedlung in ein anderes Land auf sich genommen haben.
Ein Aufbruch ist auch ein Teil der Familiengeschichte und somit auch ein Teil von mir, der nur geweckt werden musste. Meine Großeltern sind in einem deutschen Dorf auf dem Gebiet von heutigem Aserbaidschan geboren und groß geworden. Die Übersiedlung aus Deutschland fand einige Generationen davor statt. Seit meinen Großeltern ist jede Generation bis zu der meiner Kinder tausende Kilometer entfernt vom Geburtsort ihrer Eltern zur Welt gekommen. Zunächst deportiert, später auf der Suche nach einem Leben für ihre Nachkommen, das das Überleben  sicherte.
Es ist ein Privileg, das Erreichte loslassen zu können, um neue Wege zu gehen, ohne um mein Leben oder das Leben meiner Kinder und Enkelkinder bangen zu müssen.

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