Eine Tüte mit Kleidung steht seit einigen Tagen bei mir im Zimmer. Eine Nachbarin, die ihren Kleiderschrank ausgemistet hat, hat sie hergebracht:
„Vielleicht ist da was für deine Tochter dabei, wenn nicht, gib es mir einfach zurück, ich bringe das in einen Second-Hand-Shop.“
Ich kenne das nur zu gut, das was man hat, möchte man bewahren … einerseits. Andererseits scheint Shopping gesellschaftlich anerkannte Freizeitbeschäftigung zu sein. Durch die Läden streifen und Dinge kaufen, die einem gerade zusagen, unabhängig davon, ob man sie braucht oder nicht.
In der Sowjetunion aufgewachsen, habe ich das angezogen, was meine Mutter „gekriegt“ hat. Das Verb passt ganz gut. Wenn mal schöne oder nützliche Ware in den Laden kam, gab es sofort eine Schlange, mit zum Teil aggressiver Stimmung. Bewundernswert waren die Mädchen, deren Mütter oder Tanten nähen konnten – sie hatten immer außergewöhnliche, schöne Kleider. Ich habe die Kleidung getragen, die da war, nicht die ich mir ausgesucht hatte.
Nach Deutschland gekommen zunächst mit sehr begrenzten finanziellen Mitteln, ging „die Jagd“ nach passender Kleidung auf den Flohmärkten weiter. Ich erinnere mich an die Empörung meiner Mutter, als sie berichtete, dass ein Mädchen aus unserem Bekanntenkreis sich geweigert hatte die Hose, die ihre Mutter auf dem Flohmarkt gefunden hatte, zu tragen.
Ich erinnere mich ziemlich genau an die ersten Kleider, die ich mir selbst im Laden ausgesucht hatte. Darunter eine Jacke im damals modischen Lila.
„Die Mode geht vorbei, du hast die Jacke immer noch“, warnte mich meine Mutter. Ich hatte die Jacke geliebt und sie länger getragen, als lila in Mode war. Es war ein neues Gefühl mehr als drei Blusen und eine Jacke im Schrank zu haben. Heute wünsche ich mir das zurück, mit einer zweiten Jacke mich unermesslich reich zu fühlen. Der Kleiderschrank ist voll und scheinbar fehlt doch noch etwas.
Und so sehe ich mir die Tüte an und weiß, dass auch der Kleiderschrank meiner Tochter voll ist, dass diese Kleider nicht ihr Stil sind. Gleichzeitig ist der innere Drang da, eine Gelegenheit nicht zu verpassen, günstig an Kleider in gutem Zustand zu kommen. Das paralysiert mich. Erst nach einigen Tagen fasse ich mich und bringe die Sachen der Nachbarin zurück.

Ja, das war unsere Realität!
Aber Mann lernt auch im Alter dazu Kleidung neu auszusuchen, auch einige Teile, die ziemlich teuer sind!
Aber die Erfahrung nach günstigem zu suchen hemmt einen! Bin immer noch nicht abgeneigt, second Hand aufzusuchen, aber mit der Zeit sieht man schnell ob etwas schönes dabei ist!
Second Hand mag ich inzwischen auch wieder. Da gibt es schöne Einzelstücke! Und es ist nachhaltig.