Raum für Entwicklung

Marie-Rose ist Regisseurin für das aktuelle Theaterstück im Theater „Die Käuze“. Kinder sind Schauspieler:innen in einem Märchen für Kinder. Die wunderbare Marie-Rose lässt die Szenen spielen und gibt später einige Anweisungen der Art „Mehr Bewegung“ oder „Ich sehe nur Kinder auf der Bühne, ich möchte auch in dieser Szene die Tiere sehen“. Ich bin für Technik zuständig und kann die Entstehung des Stücks mit etwas Abstand und doch ganz nah beobachten.

Es gibt verschiedene Stile der Regisseurinnen. „Wenn du diesen Satz sagst, dann gehst du hier quer rüber und springst ein Mal“, ist eine effektivere Art eine Szene zu gestalten. Statt genau kommunizierten Ideen für die Szene, lässt Marie-Rose bewusst eine Leere. Keine Erwartungen, kein Bild, das vorher gezeichnet wird.

Das bewirkt Unterschiedliches. Die einen sind unsicher, werden immer unsicherer. Vergessen den Text, schauen immer wieder hilfesuchend zur Regisseurin, die die Leere der Erwartungen bestehen lässt und wartet, was sich ihr anbietet.

Die anderen werden experimentierfreudiger und probieren mal das Eine, mal das Andere. Die Regisseurin sagt: „Ja, das war gut, das behalten wir bei. Hier seid ihr alle still – da muss mehr rein, mehr Geräusche, mehr Drängen, mehr Bewegung.“

Die Experimentierfreudigen haben Ideen und probieren sich aus, die anderen sind immer noch verloren.

Die Regisseurin lässt die Szene nochmal spielen, hält die Leere für die Entwicklung der Rollen aufrecht. Die Assistentin greift ein. Sie hält die Leere nicht aus und gibt konkrete Anweisungen, an diejenigen, die bis jetzt keine Idee für Geräusche und das Drängen haben. „Du musst hierher gehen und dann mit dem Fuß scharren!“

Dir Regisseurin winkt ab. Der Raum für eine Entwicklung der Rollen wird kleiner mit diesen genauen Anweisungen. Die Rollen können noch geändert werden, eine eigenständige Entwicklung wird gerade für die Unerfahrenen und die Unschlüssigen schwieriger.

In der Pause redet Marie-Rose mit einzelnen Schauspieler:innen, ich höre nicht, worum es geht. Beim nächsten Durchlauf ist auf einmal mehr drin. Eine natürliche Entwicklung, zur Person und Rolle passend. Mit einigen persönlichen Worten und dem Raum für eigene Ideen entsteht etwas, was vermutlich in genau dieser Form die Regisseurin selbst nicht erwartet hatte.

Die Leere auszuhalten, sie nicht mit eigenen Ideen zu fluten, ist nicht jedermanns Sache. Sie führt anders zum Erfolg, als konkrete Ideen der Regisseurin. Schauspielen als kreativen Prozess erfahren, statt der Reproduktion der Ideen eines Anderen. Gerade für die Entwicklung der Jungen Schauspieler:innen ist das ein Schatz.

Das Ergebnis ist ab heute auf der Bühne zu sehen: https://kaeuze.de/das-kleine-ich-bin-ich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert