Traumfänger

Das Buch von Marlo Morgan habe ich geschenkt bekommen. Meine Schwester übergab es mir mit den Worten, das Buch sei besonders, es hätte sie berührt, ohne dass sie es in Worte fassen könnte. Mich hat das Buch ebenfalls berührt, ich versuche es hier in Worte zu fassen.

Das Buch ist als Roman ausgezeichnet und es heißt, es sei von realen Erlebnissen inspiriert. Es geht um eine Amerikanerin, der ein einmaliges Los zuteil wird, von einem Stamm Aborigines auf einen Walkabout mitgenommen zu werden. Dabei lernt sie die Lebensweise und die Lebensweisheiten des Stammes kennen.

Als ich einem Freund schrieb, wie begeistert ich von dem Buch bin, hatte er recherchiert und mich darauf hingewiesen, dass es umstritten sei. Die Geschichte sei vermutlich fiktiv. Das tat meiner Begeisterung kein Abbruch. Die Ideen in dem Buch, sind mir so nah und so einleuchtend, dass es zweitrangig ist, ob die Geschichte wahr ist. Das Buch verkündet Wahrheiten die weit darüber hinaus gehen, ob eine Frau den Walkabout tatsächlich gemacht hat. Hier einige Wahrheiten, aus dem Buch.

Es ist ein Blick von außen auf das, was für uns alltäglich ist. Ich musste lächeln als ich die Frage las, wer spielt den Spiele, bei denen nur einer gewinnt und alle anderen verlieren? Überlegte ich mir vor kurzem doch selbst, was für seltsame Spiele wir spielen.

Es ist ein Leben in einer Gemeinschaft, wo jeder so genommen wird, wie er ist. Jedes Talent wird geehrt, jedes Talent wird der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt. Es gibt keine „besseren“ oder „wertvolleren“ Talente. Jeder hat einen Platz und seine Aufgabe in der Gemeinschaft und auf der Welt.

Es geht um die Einheit des Seins. Alles was wir der Erde, den Pflanzen und den Tieren antun, tun wir uns selbst an. Auch wenn das erst mal seltsam klingen mag, wer kann es noch bestreiten. Die Wirkung ist nicht unmittelbar und kann von einem Kind nicht erkannt werden. Sobald man fähig ist, größere Zusammenhänge zu erfassen, wird es ganz deutlich: Wir werden krank von dem Futter, das wir für uns herstellen. Wir leiden Hitze, Stürme und Überflutungen – die Quittung für das, was wir der Umwelt antun.

Es ist das unerschütterliche Vertrauen, dass alles seine Richtigkeit hat. Wenn wir uns entschieden haben, diesen Weg zu gehen, dann hat es einen Sinn und wir lernen das, was wir dabei lernen müssen.

Dieses und noch einiges mehr ist in dem Roman zu finden, auf eine Weise, die berührend ist. Vielleicht, weil die Geschichte keine „Soße“ oder keinen „Zuckerguss“ braucht. Es sind nackte Wahrheiten, die begreiflich werden, während die Protagonistin mit nackten Füßen durch den australischen Busch wandert.

Besonders interessant finde ich das Konzept der Namen. Jeder Stammesmitglied bekommt bei der Geburt einen Namen, aber dieser ändert sich im Laufe des Lebens. So wie die Schlange die Haut abstreift, werden Talente offenbart und entwickelt. Je nach Lebensphase und Talent, benennt sich selbst jede Person um. Es gibt keine Priester, der einem einen Namen verleiht. Es ist nicht die Gemeinschaft, die entscheidet, welches Talent gerade fehlt und entwickelt werden muss. Jede Person ist frei in ihrer Entfaltung und entscheidet für sich.

Wir sind so sehr in Rollen gefangen, die wir bekommen: ob Frau, Mutter, Angestellte, Chefin. An jede Rolle sind Bilder geknüpft und Erwartungen, die einen Rahmen geben. Der Name wird bei der Geburt vergeben, die Schule legt fest, welche Talente entwickelt werden und Lehrer sagen, in welchen Fächern man gut ist. Es gibt kein Selbstverständnis, seine eigenen Talente zu kennen. In unseren eigenen „Walkabouts“ die das Etikett „Selbstfindung“ tragen, kommen einige von uns dazu, dies eines Tages doch noch nachzuholen. Weißt du, wie dein Aborigine-Name zurzeit sein würde, liebe Leserin / lieber Leser? Was ist dein herausragendes Talent, das du zurzeit der Gemeinschaft zur Verfügung stellst? Ich tue mich schwer das zu benennen. Es ist wie ein Wort, das einem „auf der Zunge liegt“, an das man sich aber im Moment nicht erinnern kann.

Meine Freundin und ich haben ausgemacht, wir machen uns zwei Wochen lang Gedanken wie wir heißen – nicht darum, wie die Freundin heißen könnte, das erschien uns einfacher. Wir sind gewohnt Etiketten zu verteilen und die Ausschnitte, die wir sehen für das Ganze zu halten. Jede für sich wollen wir uns überlegen, wie der eigene Name zurzeit wäre. Ich bin gespannt, was bei der Überlegung zutage gefördert wird.

Magst du meine liebe Leserin / mein lieber Leser mitmachen? Verrätst du uns deinen Aborigine-Namen?

2 Kommentare

  1. Ich werde mir Gedanken machen, welcher Aborigine-Name heutzutage zu mir passen würde.
    Im Moment glaube ich es wäre „Die immer Suchende“
    Ich bin noch unterwegs…

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