Leere Hände

Das FEST läuft und ich mache mich auf den Weg zum Karlsruher Sommerereignis, das das größte kostenlose Open-Air-Musikfestival sein soll. Es ist total ungewohnt. Meine Hände sind leer. Ich habe keine Handtasche mit. Keinen kleinen Rucksack, an dem ich immer wieder zupfen kann, den ich immer wieder von den Schultern nehmen muss, um in der Straßenbahn bequem zu sitzen oder um das Ticket rauszuholen.

Es fühlt sich ungewohnt an. Wie in der Kindheit… ist es wirklich schon so lange her, dass ich einfach ohne Gepäck unterwegs sein konnte? Handy, Geldbeutel, Schlüssel: es ist gar nicht so viel, was unbedingt mit muss. Aber selbst die Jeanstaschen für Damen sind nicht so gemacht, dass man das alles in der Hose verstauen könnte. Und mal ehrlich, wenn man schon eine Handtasche oder einen Rucksack mitnimmt, kann auch ein Ersatzakku fürs Handy mit, ein Päckchen Taschentücher, ein Lippenstift, Deo, Sonnencreme für alle Fälle und noch Kleinkram, der sich angesammelt hat. Nichts davon brauche ich mit, wenn ich ehrlich bin. Aber wenn es schon mal geht, kann man ja vorsorgen, um für Notfälle gewappnet zu sein.

Natürlich habe ich auch heute Handy, Geldbeutel und Schlüssel dabei, aber ich trage meine neue Gürteltasche. Meine Tochter hat sie entdeckt und ich war so begeistert, dass ich mir auch gleich eine geholt habe. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Cowboy im Western. Ich muss nur die Hände auf den Gurt legen und kann meine „Bewaffnung“ ziehen. Zugegeben, die Taschen am Gürtel sind etwas größer als die, die ein Mann in jeder Hose hat. Mein Hosenrock hat mal wieder überhaupt keine Taschen, das ist so üblich – sieht nicht gut aus oder so. Die habe ich mir geholt, bevor ich die Entscheidung getroffen habe, nur noch Klamotten mit Taschen zu kaufen. Seitdem habe ich eine Handwerkerhose und kleine Männershorts erstanden. Bei Röcken, Kleidern oder auch nur Hosen aus der Damenkollektion sind Taschen, in die ein Smartphone reinpasst – Fehlanzeige. In ein Kleid und eine Hose habe ich Taschen von einem Schneider einsetzen lassen, aber jedes Mal diese Zusatzausgabe einzuplanen, macht jeden Einkauf sowohl zeitlich als auch finanziell aufwendiger.

Ich schaue mich um: Frauen halten in der Menge eine Hand über ihrer Hand-, Brust- oder Bauchtasche – davon gibt es eine große Auswahl. Männer laufen mit freien Hände, alles bequem in den Hosen verstaut. Leere Hände sind Freiheit.

Kann das so viel ausmachen, leere Hände zu haben? Ich fühle mich leichter, mobiler und auch sicherer. Ist dieses Cowboy-Gefühl so viel wert, sinniere ich in der Schlange zum Stand der Stadtwerke Karlsruhe, an dem kostenlos Wasser ausgeteilt wird. Der Mann vor mir tritt einen Schritt zurück und ich kann beide Hände nutzen um ihn davon abzuhalten mich anzurempeln. Es war ein Versehen, ein Kind hat vor ihm mehr Platz gebraucht und ich brauche sicher nicht die Kraft von zwei Armen, um ihm aufzuhalten. Aber ich fühle mich sicherer, merke ich. Das Cowboy-Gefühl kommt nicht vom Gurt, sondern von der Möglichkeit jederzeit meine Arme und Hände einsetzen zu können. Leere Hände sind also auch Sicherheit.

Spannend, was so ein kleines Detail an der Kleidung wie ein paar Taschen, die gut genutzt werden können, ausmachen kann.

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