Das Unwetter letzten Donnerstag ist hier durchgetobt. Da die Fenster wegen der Hitze geschlossen waren, überrascht mich die Aussicht aus dem Fenster, als ich den Blick vom Bildschirm abwende. Die riesigen Kastanien beugen sich und flattern im Wind. Wie ein Vorhang versperrt der Regen die Sicht in die Weite. Als ich die Balkontür öffne, merke ich, es ist kein Regen, es ist Hagel, der ohrenbetäubend laut aufs Dach hämmert. Es ist surreal, weil der Blakon vom Wind geschützt ist, kein Blumentopf fällt um.
Ich erinnere mich an die Sommer, die mir zu kalt waren und um Sonne abzubekommen, ich in den Süden reiste. Wenn es mal angefangen hatte zu regnen, hatte sich der Himmel hier zugezogen und es konnte mal stärker mal schwächer über Tage regnen. Heute laufe ich und sehe die entwurzelten Bäume und abgebrochene Äste, die trotz Aufräumarbeiten seit drei Tagen, immer noch nicht alle weg sind.
„Ich habe bislang nie daran gedacht, das Fahrrad stehen zu lassen, wenn ein Unwetter losgeht, eher so schnell wie möglich nach Hause“, schreibt mir ein Freund, als ich berichte, dass bei uns alles in Ordnung sei, dafür ein Radfahrer nur 300 Meter entfernt nicht so viel Glück hatte. Ja, denke ich mir heute beim Spaziergang, es hatte mal seine Berechtigung. Als die Unwetter nicht so schnell unterwegs waren und die Dauer des Regens in Tagen gemessen werden konnte. Es ändert sich gerade so viel, dass all die Regeln, die uns das Leben erleichtert hatten, neu gedacht werden müssen.
Söhne dürfen wegziehen, Töchter bleiben in der Nähe der Eltern – war absolut logisch, als die kostenlose Carearbeit die Pflicht der Frauen war. Große Fensterflächen, die viel Sonne einfangen, waren super, als das Sonnenlicht Mangelware war und man nicht befürchten musste das Gebäude dadurch in ein Treibhaus zu verwandeln.
Alles wird anders und es macht Sinn, das „Normale“ in unserem Leben zu hinterfragen und neu auszurichten.
„Wo soll man denn hier Schutz suchen?“ fragt mein Sohn, als wir die entwurzelten riesigen Bäume neben unserem Haus anschauen.
„An der Haustür klingeln und um Eintritt bitten“, schlage ich vor. Die Regel „Gehe nie zu Fremden ins Haus“ wird damit aufgehoben. „Auf jeden Fall den Standort in die Familiengruppe schicken“, bessere ich nach. Aber aktueller Schutz hat Vorrang und es gibt mehr gute Menschen, als böse, davon bin ich überzeugt. Vielleicht kommen mal ganz wilde Zeiten, wo ich auch diese Gewissheit neu bewerten werde, aber noch glaube ich fest daran.
Und dann fällt mir ein, als bei einem Elterngespräch die Erzieherin im Hort mir sagte: „Ihre Tochter befolgt nur Regeln, deren Sinn sie versteht.“ Ich freute mich riesig: meine Kleine hatte einen klugen Kopf, den sie zu nutzen wusste. Die zum Teil nervigen Diskussionen zuhause ‚Aber warum muss ich das so machen‘ haben sich ausgezahlt. Dass der Kommentar der Erzieherin als Tadel gemeint verrät mir ihre Überraschung auf meine Reaktion. Einen Erziehungsauftrag hatte sie damals nicht formuliert, vermutlich war meine Freude Hinweis genug, dass ich diesen nicht annehmen werde, vielleicht hatte sie auch das Gute an diesem Verhalten eines Grundschulkinds verstanden.
Und so bahnen wir uns unseren Weg vorsichtig durch abgebrochene Äste und durch eine neue, sich wandelnde Welt und überlegen uns welche Regeln hilfreich sind. Es fühlt sich manchmal wie ohne Halt an, es fühlt sich manchmal auch nach vielen neuen Möglichkeiten an.

Ja, wir müssen unser Verhalten und unsere Regeln überdenken. Und das schnell, sehr schnell. Daß das vielen Angst macht und sie in Abwehrhaltung erstarren, ist verständlich. Bringt aber nichts.
Mir macht das alles auch Sorge, aber ich hoffe auf Besserung und bemühe mich, meinen Teil beizutragen.
So wird es klappen, wenn jeder seinen Teil beiträgt. Angst ist ein Zeichen, dass sich was ändern muss, habe ich gelernt. Und man kann in einprogrammiertes Verhalten fallen – erstarren, wegrennen, kämpfen – oder man nutzt die Möglichkeiten des menschlichen Hirns und sucht Wege in die Zukunft zu gehen. Danke für Deine Gedanken, lieber Martin.